Der Literat Wilhelm Genazino sagte mir einmal: „Wenige Berufsstände werden dermaßen überschätzt wie der des Schriftstellers.“ Aktuell beweist Günter Grass mit seinem Gedicht ‚Was gesagt werden muss‘, wie Recht Genazino mit dieser Aussage hat.
Im Zuge des schwelenden Iran-Israel-Konfliktes nimmt Günter Grass eine deutsche Waffenlieferung an Israel zum Anlass, die Politik der Atommacht Israel als Gefahr für den Weltfrieden anzuprangern. Dabei grämt er sich, aufgrund der belasteten deutsch-jüdischen Vergangenheit bislang vor Israel-Kritik zurückgeschreckt zu sein.
Grass formuliert in seinem Gedicht eine Anklage, wie sie diverse linke Politiker schon oft von sich gegeben haben. Dafür braucht er 382 Wörter oder 68 Zeilen (zum Vergleich: Meine obige Zusammenfassung besteht aus 42 Wörtern und 3 ½ Zeilen). Wer also meint, Dichtung käme von „dicht“, wird hier enttäuscht. Die Aussage des Gedichtes ist nicht neu, die künstlerische Form ist mäßig. Und dennoch schlägt das Gedicht hohe Wellen. Deutschland ist im Aufruhr. Führende Politiker in Deutschland und Israel echauffieren sich.
Der Schriftsteller – der Seismograph des nationalen Empfindens? Dem widerspreche ich!
Schriftsteller sind Menschen, die schreiben. Es sind nicht unbedingt Menschen, die besonders schlau sind, besonders gebildet oder besonders hohe ethische Ideale vertreten. 1999 erhielt Günter Grass den Nobelpreis für Literatur. Zeitgleich erhielten den
… Nobelpreis für Medizin: G. Bobel, der die Steuerung von Proteinen in der Zelle entschlüsselte
… Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften: R. Mundell, dessen Arbeiten zur Währungspolitik für die Einführung des Euro von Bedeutung war
… Friedensnobelpreis: die Organisation „Ärzte ohne Grenzen“, die in dutzenden von krisengeschüttelten Ländern Dienst am Menschen verrichten
Die Gegenüberstellung der verschiedenen Preisträger zeigt mir deutlich, wie … nun ja … übersichtlich der Beitrag der Schriftstellerei für die Lösung realer Probleme ist, verglichen mit den Beiträgen anderer Disziplinen. Und trotzdem wird der Schriftsteller immer wieder als ein Wesen höherer Erkenntnis behandelt.
Warum fragt man nicht Bildhauer oder Maler zur Situation im Nahen Osten? Warum werden nicht Tänzer zur Finanzkrise befragt? Warum interessiert sich niemand für die Meinung von Modeschöpfern oder Konzertpianisten zur globalen Erwärmung? Ganz einfach: Weil wir ahnen, dass diese Künstler nicht mehr Ahnung von solchen Dingen haben als Lieschen Müller und Otto Normalverbraucher.
Aber woher soll der Schriftsteller seine überlegene Erkenntnis nehmen?
Es gibt so viele kluge Politologen, Soziologen, Psychologen, Historiker …, die sich die Köpfe zerbrechen und die Finger wundschreiben über die Sorgen und Nöte der Welt. Die nach Lösungen suchen und sie manchmal auch finden. Darum meine Bitte an alle Leser und Nachdenker:
Wenn Ihr Euch unterhalten lassen wollt, lest, was die Schriftsteller zu Papier bringen.
Wenn Ihr Euch eine Meinung bilden wollt, lest, was die Experten sagen.
Jemand wie Günter Grass kann sich (im besten Fall) gut ausdrücken. Aber das bedeutet nicht, dass er auch die richtigen Dinge ausdrückt.