Günter Grass oder: Schriftsteller, das überschätzte Wesen

Der Literat Wilhelm Genazino sagte mir einmal: „Wenige Berufsstände werden dermaßen überschätzt wie der des Schriftstellers.“ Aktuell beweist Günter Grass mit seinem Gedicht ‚Was gesagt werden muss‘, wie Recht Genazino mit dieser Aussage hat.

Im Zuge des schwelenden Iran-Israel-Konfliktes nimmt Günter Grass eine deutsche Waffenlieferung an Israel zum Anlass, die Politik der Atommacht Israel als Gefahr für den Weltfrieden anzuprangern. Dabei grämt er sich, aufgrund der belasteten deutsch-jüdischen Vergangenheit bislang vor Israel-Kritik zurückgeschreckt zu sein.

Grass formuliert in seinem Gedicht eine Anklage, wie sie diverse linke Politiker schon oft von sich gegeben haben. Dafür braucht er 382 Wörter oder 68 Zeilen (zum Vergleich: Meine obige Zusammenfassung besteht aus 42 Wörtern und 3 ½ Zeilen). Wer also meint, Dichtung käme von „dicht“, wird hier enttäuscht. Die Aussage des Gedichtes ist nicht neu, die künstlerische Form ist mäßig. Und dennoch schlägt das Gedicht hohe Wellen. Deutschland ist im Aufruhr. Führende Politiker in Deutschland und Israel echauffieren sich.

Der Schriftsteller – der Seismograph des nationalen Empfindens? Dem widerspreche ich!

Schriftsteller sind Menschen, die schreiben. Es sind nicht unbedingt Menschen, die besonders schlau sind, besonders gebildet oder besonders hohe ethische Ideale vertreten.  1999 erhielt Günter Grass den Nobelpreis für Literatur. Zeitgleich erhielten den

… Nobelpreis für Medizin: G. Bobel, der die Steuerung von Proteinen in der Zelle entschlüsselte

… Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften: R. Mundell, dessen Arbeiten zur Währungspolitik für die Einführung des Euro von Bedeutung war

… Friedensnobelpreis: die Organisation „Ärzte ohne Grenzen“, die in dutzenden von krisengeschüttelten Ländern Dienst am Menschen verrichten

Die Gegenüberstellung der verschiedenen Preisträger zeigt mir deutlich, wie … nun ja … übersichtlich der Beitrag der Schriftstellerei für die Lösung realer Probleme ist, verglichen mit den Beiträgen anderer Disziplinen.  Und trotzdem wird der Schriftsteller immer wieder als ein Wesen höherer Erkenntnis behandelt.

Warum fragt man nicht Bildhauer oder Maler zur Situation im Nahen Osten? Warum werden nicht Tänzer zur Finanzkrise befragt? Warum interessiert sich niemand für die Meinung von Modeschöpfern oder Konzertpianisten zur globalen Erwärmung? Ganz einfach: Weil wir ahnen, dass diese Künstler nicht mehr Ahnung von solchen Dingen haben als Lieschen Müller und Otto Normalverbraucher.

Aber woher soll der Schriftsteller seine überlegene Erkenntnis nehmen?

Es gibt so viele kluge Politologen, Soziologen, Psychologen, Historiker …, die sich die Köpfe zerbrechen und die Finger wundschreiben über die Sorgen und Nöte der Welt. Die nach Lösungen suchen und sie manchmal auch finden. Darum meine Bitte an alle Leser und Nachdenker:

Wenn Ihr Euch unterhalten lassen wollt, lest, was die Schriftsteller zu Papier bringen.

Wenn Ihr Euch eine Meinung bilden wollt, lest, was die Experten sagen.

Jemand wie Günter Grass kann sich (im besten Fall) gut ausdrücken. Aber das bedeutet nicht, dass er auch die richtigen Dinge ausdrückt.

Das Ende von Brontosaurus – oder: Adieu ihr großen Bibliotheken

Wer wie ich in den 70er oder 80er Jahren aufgewachsen ist, der kennt ihn nur zu gut: Brontosaurus. Die langhalsige „Donnerechse“. In den liebevoll bebilderten Dinosaurierbüchern meiner Kindheit wurde er in einem Atemzug mit Tyrannosaurus Rex und Triceratops genannt. Er war der Inbegriff des Riesensauriers, so wie T-Rex die Verkörperung des größten Raubtiers aller Zeit war.

Das waren noch Zeiten.

Als Mutter zweier Jungs lese ich mich 35 Jahre später erneut durch Dinosaurierbücher. T-Rex ist noch da, genauso wie Triceratops, Brachiosaurus und Pterodactlyus. Doch wo ist Brontosaurus? Ich blättere und blättere. Keine „Donnerechse“ weit und breit. Bis ich bei Apatosaurus auf eine kleine Fußnote stoße: Brontosaurus gehört zur gleichen Spezies wie Apatosaurus, der allerdings zwei Jahre früher entdeckt wurde. Vor einigen Jahren wurde beschlossen, für die Spezies nur noch den Namen des „ersten“ Dinosauriers, als „Apatosaurus“ zu verwenden. .

Tiefe Ernüchterung.

All die Dinosaurierbücher, die meine Mutter auf dem Dachboden für ihre Enkel gehütet hatte – veraltet! Die Forschung ist darüber hinweg galoppiert. Wer interessiert sich für T-Rex, wenn doch Giganotosaurus noch größer ist? Torosaurus hat einen viel größeren Nackenschild als Triceratops.  Und Brontosaurus ist gleich komplett verschwunden.

Meine Freundin Andrea meinte einmal mit einem andächtigen Blick auf ihre Bibliothek: „Bücher bewahren das Wissen der Menschheit.“ Und ich, als Sachbuchfan, hatte ihr zugestimmt. Aber wer braucht in dieser  Zeit des rasanten Wissenszuwachses noch Sachbücher, die überholt sind, kaum dass die Druckerfarbe getrocknet ist?

Ich sträube mich gegen diesen Gedanken. Sachbücher sollen nicht verschwinden. Nicht wie die Dinosaurier. Nicht wie Brontosaurus.

Das Buch als Einrichtungsgegenstand

Gestern besuchte ich meine Freundin Andrea. Andrea ist bibliophil. Jede Woche trägt sie ihr Geld in die örtliche Buchhandlung und kauft ein: Thriller, Fantasy, Historisches, Literarisches. Kein Genre ist vor ihr sicher. Sie kauft nur Hardcover, prächtige Bände, die sie nach Genre und nach Farbe ordnet. Ihre Wohnung ist mit Regalen zugebaut. Wohnzimmer, Esszimmer, Schlafzimmer, Küche und Flur. Das Regal für die Gästetoilette hat sie schon gekauft. Kurz: Andrea ist der Wunschleser eines jeden Autors und Verlegers. Als ich dieses Mal ihren köstlichen Apfelkuchen kaute, fielen mir die vier Bände der ERAGON-Saga ins Auge, jene Drachenreitergeschichte eines achtzehnjährigen Schreibneulings, die ein Millionenpublikum begeisterte.

„Die Bücher sind etwas zäh“, erklärte Andrea auf meine Nachfrage: „Die ersten beiden Bände gehen noch, aber beim dritten musste ich mich so quälen, dass ich nach der Hälfte aufgegeben habe.“

Ich: „Aber warum hast Du dir noch den VIERTEN Band gekauft?“

Andrea (irritiert): „Ich muss doch die Reihe vollständig haben.“

Da saß ich nun, bei gedecktem Apfelkuchen und Sahne-Rooibosch-Tee, und fühlte die tiefen Risse, die sich in meinem Weltbild auftaten. Hatte ich doch immer geglaubt, Andrea kaufe Bücher, weil sie die Geschichten darin lesen wolle!  Aber nun musste ich erkennen, dass Bücher nicht nur “Geschichten-Behälter” sind. Bücher sind

  • Sammlerstücke, die man vollständig haben muss, wie eine Briefmarkenserie
  • Modeartikel, die man haben muss, um IN zu sein, wie  die Turnschuhe  von Converse
  • Einrichtungsgegenstände, mit denen man die Wände verschönert

Ja, ich weiß jetzt, dass es Menschen gibt, die Bücher so sehen. Liebenswerte Menschen wie Andrea. Aber ich selbst kann so nicht auf Bücher schauen. Für mich zählt immer noch die Geschichte – auch wenn ich mir mit dieser Einstellung furchtbar altmodisch vorkomme.

 

Zum Weltfrauentag: Schillersche Frauen-Lobhudelei

„Ehret die Frauen! Sie flechten und weben

Himmlische Rosen ins irdische Leben,

Flechten der Liebe beglückendes Band,

Und in der Grazie züchtigem Schleier

Nähren sie wachsam das ewige Feuer

Schöner Gefühle mit heiliger Hand.“

Schillers Gedicht “Würde der Frau“ schildert Unrast und Gewalttätigkeit des Mannes und setzt ihnen die ruhigen Tugenden der Frau entgegen. Es ist meisterlich konstruiert – und UNERTRÄGLICH. Durch die lebensfremde, verlogene Lobhudelei verkehrt sich ein gutgemeintes Argument in sein Gegenteil. Frauen sind nicht so! Aber selbst, wenn sämtliche Schillersche Lobpreisungen der Frau einfach falsch und Frauen insgesamt nicht edler als Männer sein sollten – ändert das etwas daran, dass sie exakt dieselben Rechte haben sollten wie Männer?

(frei zitiert aus „Wie man mit Fundamentalisten diskutiert, ohne den Verstand zu verlieren“ von H. Schleichert)

Eine gute Geschichte

Greta wurde 1950 geboren, als Deutschland in Trümmern lag. Ihr Vater war kurz vor der Geburt gestorben. Weil das Baby blind war, ließ ihre Mutter es in einem Behindertenheim zurück. Doch die kleine Greta hatte Glück im Unglück. Sie wurde von einem Musikerpaar aufgenommen. Diese erkannten, dass Greta eine wunderbare Stimme hatte, unterstützten ihre Ausbildung,  und so wurde das kleine, blinde Mädchen eine erfolgreiche Sängerin.

Irgendwann Anfang der siebziger Jahren, als Greta erstmals auf Tournee ging, erhielt sie plötzlich einen Brief ihrer leiblichen Mutter. Jahrelang – so schrieb die Frau – hatte sie sich gegrämt, dass sie ihre Tochter fortgegeben hatte. Jahrelang hatte sie nach ihr gesucht, bis sie endlich entdeckt hatte, dass die bekannte Sängerin Greta ihre Tochter war. Sie bat um ein Treffen.

Greta war erschüttert. Wie aus dem Nichts tauchte die Frau auf, die sie einst wegen ihrer Behinderung im Stich gelassen hatte. „Jetzt wo ich erfolgreich bin, bin ich ihr wohl gut genug!“, dachte sie. All die unterdrückte Bitterkeit kam hoch und im ersten Augenblick wollte sie wütend ablehnen. Doch dann dachte sie: „Ich will es dieser Mutter ins Gesicht sagen, wie sehr ich sie hasse. Dass sie mir überhaupt nichts bedeutet.“ Und so stimmte sie dem Treffen zu.

In Köln war es dann soweit. Nach dem Konzert ging Greta hinter die Bühne, wo die unbekannte Frau auf sie wartete.

„Bist du meine Mutter?“, fragte sie mit kalter Stimme in das Dunkel, das sie umgab.

Stille. Dann die ruhige Antwort: „Ja.“

Greta hatte sich die Worte zurechtgelegt, die sie der Frau entgegenschleudern wollte, doch als sie diese Stimme hörte, hatte sie verloren.  Minutenlang kämpfte sie um ihrer Fassung, dann presste sie hervor:

„Nun, Mutter, bist du zufrieden mit dem, was du siehst?“

Die Mutter antwortet: „Komm ein bisschen näher, damit ich dich ansehen kann.“

Unbeholfen tappte Greta voran. Die erfolgreiche Sängerin war verschwunden. Da war nur noch das verletzte Kind, das Greta vor der Welt verborgen hielt. Das Kind, das von seiner eigenen Mutter verstoßen worden war, weil es blind war. Schließlich berührte Gretas Blindenstock die Füße der Frau.

„Noch näher.“

Die Frau war jetzt so nah, dass Greta ihren Atem auf der Haut spürte, und plötzlich legten sich zwei Hände auf ihr Gesicht. Weiche, warme Hände, die tasteten

„Wie schön du bist“, sagte die Frau.

Ihre Finger flatterten über Gretas Wangen, strichen über die Nasenflügel, über Lippen und Augenbrauen, durch die Haare. Finger, die sahen, was die Augen nicht sehen konnten.

„Du auch?“, flüsterte Greta fassungslos. „Du bist auch blind?“

„Ja“, sagte die Frau und streichelte glücklich Gretas Gesicht. Vor Jahren hatten sie ihre blinde Tochter weggeben, weil sie sie ohne sehenden Ehemann nicht aufziehen konnte. Doch sie hatte nie aufgehört hatte, sich nach ihr zu sehnen.

Und während die Mutter wieder und wieder Gretas Gesicht betastete, stand diese nur wie betäubt da. ‘Wenn ich das nur gewusst hätte, wenn ich das nur gewusst hätte …“, dachte sie, ‘wenn ich nur gewusst hätte, dass meine Mutter mich so geliebt hat, wie sie es ihr möglich gewesen ist.

 

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Diese Geschichte stammt NICHT von mir, ich habe sie nur nacherzählt. Ich bin in dem Buch „Leben oder gelebt werden – Schritte auf dem Weg zur Versöhnung“ von Walter Kohl darauf gestoßen. Laut Kohl stammt diese Geschichte aus Korea, wo sie sehr beliebt ist. Für mich erfüllt sie ein wichtiges Kriterium für eine gute Geschichte: Jeder Mensch kann sie mit seinen eigenen Worte nacherzählen, ohne dass sie ihre Kraft verliert. Walter Kohl hat sie erzählt. Ich ebenfalls. Und ich hoffe, dass einige von Euch sie ebenfalls weitererzählen werden.

DMAX – mein Kontakt mit der männlichen Wirklichkeit

Die meiste Zeit halte ich Männer für normale Menschen. Normal intelligent, normal freundlich, normal hübsch, normal umgänglich. Doch manchmal am Kiosk stolpere ich über diese seltsamen Magazine, und Unbehagen macht sich in mir breit. MÄNNERmagazine. Kaum getarnt durch redaktionelle Artikel sind dort Mädchen abgebildet, mal billig, mal geschmackvoll in Szene gesetzt – aber immer nackt. Keine Menschen sondern nur Po, Busen und Beine, williges Frauenfleisch zum optischen Verzehr freigegeben. „Männer stehen auf so was“, scheinen mir diese Bilder zuzuflüstern. „Für Männer sind alle Frauen nur Fleischhäppchen. Männern sind Tiere.“ Dass die Männern in meiner direkten Umgebung nicht wirklich in dieses Schema passen, ignorierte ich bislang geflissentlich. Bestimmt waren das nur löbliche Ausnahmen, dachte ich.

Bis ich gestern zwei Bauarbeiter belauschte, die sich über DMAX unterhielten.

DMAX – MÄNNNER-Fernsehen. Ich hatte noch nie zuvor davon gehört – was bei meinem mikroskopischen Fernsehkonsum kein Wunder ist – und dachte sofort an Playboy-TV. Falsch, sehr falsch. DMAX ist Fernsehen für echte Kerle. DMAX zeigt, was echte Kerle sehen wollen. Und das sind – zu meiner Überraschung – gar keine nackigen Playboy-Häschen.  Auf DMAX findet man so erbauliche  Serien wie „Die Modellbauer“ oder „Die Ludolffs – 4 Brüder auf‘m Schrottplatz“, so spannende Reportagen wie „Fischfang in der Bering-See“ oder „Beeindruckende Großbaustellen“. Und die wenigen Frauen, die bei DMAX auftauchen, sind alle über zwanzig und fahren entweder einen Bagger oder reparieren einen Truck.

DMAX hat mich Dreierlei gelehrt:

  1. Echte Kerle sind total liebenswert.
  2. Echte Kerle stehen auf normale Frauen.
  3. Echte Kerle … sind keine normalen Menschen

 

P.S. Hier der Link zur DMax „Fernsehen für die tollsten Menschen der Welt: Männer“

P.P.S. Hier noch ein Link zu einem MÄNNERspielplatz

Tom Sawyer, der Nigger Jim und die Literatur

Ich liebe Mark Twain. Ich liebe seinen „Yankee aus Connecticut“, seinen „Bummel durch Europa“ und natürlich „Tom Sawyer und Huckleberry Finn“. Auf Schallplatte, Kassette und als Fernsehfiguren haben Letztere mich durch meine Kindheit begleitet. Logisch, dass ich kürzlich den Klassiker besorgt habe, um ihn meinen Jungs vorzulesen. Da waren sie wieder: der pfiffige Tom, der hartgesottene Huckleberry, der verschlagene Indianer-Joe und der einfältige Nigger Jim.

Wie bitte?

In dem Buch stand tatsächlich das Wort „Nigger“ – und zwar ohne Anführungszeichen. Allerdings hatte der Übersetzer gleich zu Beginn angemerkt, dass das Wort „Nigger“ zu Mark Twains Zeiten keinesfalls negativ besetzt gewesen sei. Ich schluckte meinen Widerwillen runter und las weiter. Aber immer wieder stolperte ich über dieses Wort: „ Nigger“. Und nicht nur das. Jim, der entlaufene Sklave, wird als einfältig, abergläubisch und schreckhaft beschrieben. Sein Reden, sein Handeln – alles macht klar, dass der „Nigger Jim“ kein ernstzunehmender Erwachsener wie Tante Polly ist.  Selbst Huckleberrys versoffener Vater wirkt reifer. Jim ist ein „dummer Nigger“.

Jetzt habe ich das Buch zur Seite gelegt. Schweren Herzens. Die Geschichte über die Kinder ist immer noch wunderbar, ein echter Klassiker. Aber das Buch selbst  stammt aus einer Zeit, deren Menschenbild ich nicht akzeptieren will.

Ein Literaturprofessor mag argumentieren, dass „Tom Sawyer“ für die damalige Zeit revolutionär war, weil ein Afroamerikaner überhaupt als wichtige Figur gewürdigt wurde. Das mag richtig sein. Aber dann ist das Buch in seiner ursprünglichen Form ein Forschungsobjekt für Literaturgeschichte. Ins moderne Kinderzimmer gehört es nicht.

Eine Geschichte kann zeitlos sein. Ein Buch nicht. Und „Tom Sawyer“ ist dafür ein treffendes Beispiel.

Als das Fernsehen das Wohnzimmer verließ

Wir saßen am Küchentisch beisammen und schwatzten. Die wesentlichen Informationen waren bereits ausgetauscht und wir waren am Erzählen. Erzählten die letzte Anekdote von der Arbeit, von den Kindern, erzählten uns den peinlichen Film oder die lustige Bier-Werbung, die wir gerade gesehen hatten. Selten erzählte einer alleine, es gab immer jemanden, der Teile wiederholte, seine eigene Note reinbrachte, nachspielte, Grimassen schnitt, der miterzählte, mitlachte. Wir waren alle dabei.

Bis einer sein Smartphone zückte.

„Schaut mal!“ Und da lief der Filmausschnitt, über den wir gerade gesprochen hatten: hochaufgelöst, mit glasklarem Sound. Besser als jeder von uns es hätte in Worte fassen können. Wie hypnotisiert starrten wir auf den kleinen Bildschirm. Ja, das war wirklich lustig. „Schaut mal den hier!“ und „Der ist auch noch gut!“ Filmchen auf Filmchen flimmerte an uns vorbei. Katzen, die Kinder umspringen; Babys, die im Waschkeller Workouts machen; Omas, die Hiphop tanzen.  Es war wie Fernsehgucken. Wir schauten und staunten und lachten  – und wurden doch immer leiser. Das Fernsehen hatte das Wohnzimmer verlassen und sich in Gestalt des Smartphones zu uns an den Tisch gesetzt. Zwischen uns.  Wir erzählten nicht mehr. Uns wurde erzählt. Und niemanden interessierte es, was die anderen über das Erzählte dachten, was sie dazu beitragen konnten. Nebeneinander allein.

Bis einer jene Worte sprach, die den Zauber brachen: „Jetzt pack mal das Ding weg.“
Der kleine Bildschirm erlosch. Wir rieben uns die Augen, seufzten. Einer füllte die Gläser nach. Der Abend war gerettet.

Briefe aus Afrika

Auf meinem Schreibtisch stapelt sich seit gestern ein Dutzend Kinder-Briefe aus Sierra Leone. Ich arbeite für die Entwicklungshilfeorganisation Plan International als ehrenamtliche Übersetzerin, und alle drei Monate machen Briefpakete aus Asien, Afrika, Indien oder Lateinamerika bei mir Zwischenstation, bevor sie – versehen mit einer Übersetzung –zu den deutschen Paten der Kinder weiterwandern. Mein kleiner Weltverbesserungs-Beitrag.
Die Chinesen mit ihren seitenlangen Briefen machen mir die meiste Arbeit. Inder, Ägypter  und viele andere Nationen liegen mit einem Briefumfang von einer Seite im Mittelfeld. Die Briefe aus Sierra Leone allerdings sind eine Klasse für sich:  Drei bis vier Zeilen stereotyper Belanglosigkeiten, lustlos aufs Papier geschmiert. „Bald ist Regenzeit; jetzt habe ich Ferien; ich gehe in die xte Klasse.“ Manchmal, wenn die Briefschreiber aus demselben Dorf kommen, verwenden sie sogar identische Formulierungen. Copy & Paste. Nur der Name des Kindes ändert sich.
Es ist nicht das erste Mal, dass ich solche Briefe sehe. Nicht  immer stammen sie aus Sierra Leone, aber immer aus Schwarzafrika.
Zunächst war ich belustigt über diese Briefe, dann verwirrt und schließlich sauer.
Das ist also der persönliche Kontakt zu einem afrikanischen Kind, nach dem sich die gutwilligen Paten sehnen? Enttäuschend. Und empörend diese offensichtlichen Lieblosigkeit! Andere Kinder kriegen es doch auch hin, schöne Briefe zu schreiben. Die Schwarzafrikaner sind doch nicht dümmer oder fauler als andere! Oder … oder doch?

Der Menschenfreund in mir bekam Bauchschmerzen bei diesem Gedanken. Irgendwann traute ich  mich, eine Freundin, die in Afrika aufgewachsen ist, zu fragen.
Ich: „Warum sind die Briefe dieser Kinder so lieblos?“
Sie: „Für viele Schwarzafrikaner hat der Brief keine Bedeutung.“
Ich (verwirrt): „Aber wenn man kein Telefon hat, muss man doch wenigsten Briefe schreiben. Wie halten die Leute in Afrika denn untereinander Kontakt?“
Sie: „Gar nicht.“
Ich (geschockt): „Aber wie …?“
Sie (lacht): „Meine afrikanischen Freunde schreiben keine Emails oder Briefe. Ein Brief ist für sie nur ein Stück Papier, und die Worte, die man darauf schreibt, bedeuten ihnen nichts. Wenn ich weg bin, bin ich weg. Wenn ich zurückkehre, machen wir dort weiter, wo wir aufgehört haben. Dazwischen gibt es nichts.“

Dann erklärte sie, dass die meisten Kulturen Schwarzafrikas keine eigene Schriftkultur haben. Dementsprechend haben viele Menschen auch keine innige Beziehung zum geschriebenen Wort. Für sie zählen der persönliche Kontakt und das gesprochene Wort. Ein Blatt Papier mit Worten drauf verwandelt sich nicht zu einer Brücke, über die Herzen wandern können. Es bleibt ein Blatt Papier.
Inzwischen kann ich mich entspannter an die Briefe aus Sierra Leone, Benin oder Kenia setzen. Diese Kinder sind weder dumm noch faul. Ihnen sind Menschen wichtiger als Papier.

Und das ist doch grundsätzlich eine gesunde Einstellung.

Leiden für die Kunst

Als ich im Januar 2006 kurz vor der Entbindung meines zweiten Sohnes stand, hatte ich die Wahl: Kaiserschnitt – wie beim ersten Kind – oder natürliche Geburt. Ich entschied mich für Letzteres.  Nicht weil ich dachte, das wäre besser für mein Baby oder für meine Gesundheit, sondern weil ich diese „ur-weibliche“ Erfahrung für mein Autoren-Recherche-Schatzkästchen haben wollte.
Autoren sind ja immer angehalten, Gedanken, Eindrücke und Ideen zu sammeln. Und natürlich Erfahrungen. Wie soll man eine Geschichte schreiben, ohne das Leben zu kennen?  Nun stand ich vor einer grundlegenden Menschheits- (Frauheits-)Erfahrung, die ich natürlich nicht verpassen wollte. Einmal so daliegen wie Abermillionen Frauen schon vor mir dagelegen haben und ein Kind gebären, von der ersten Wehe bis zum ersten Kindesschrei. Gebären. Schon das Wort klingt um Welten besser als „Sectio“.

Nun, ich bekam die „ur-weibliche“ Erfahrung, die ich mir erhofft hatte: zwanzig Stunden Wehen, davon drei Stunden Presswehen, und – weil die PDA nicht richtig gesetzt worden war  – alles bei vollem Schmerzempfinden. Irgendwann war ich dann nur noch ein grunzendes, brüllendes, stöhnendes Stück Fleisch, das von innen zerrissen wurde.

Meine Ärztin hat später nur den Kopf geschüttelt, als sie von meinen ungewöhnlichen Beweggründen für die Entbindung erfuhr. Aber was verstehen Ärzte schon von Kunst? Als mir vor kurzem eine Leserin erzählte, mit welcher Begeisterung sie die Geburtsszene beim “Sohn der Amazone“ gelesen hatte, wusste ich: Meine Mühe hat sich gelohnt!

P.S. Bei manchen Erfahrungen reicht es, wenn man sie einmal im Leben macht. Ein drittes Kind würde ich per Kaiserschnitt entbinden. Auch wenn „entbinden“ lange nicht so schön klingt wie „gebären“.